Bad Santa – das Jahr endet heiß – Teil 9

Woher kommen nur all die Gefühle? – Camilla

Sechs Tage sind vergangen, seit ich beinahe mit Jo über all das gesprochen hätte, was mich belastet. Sein Angebot seine Ärztin anzurufen, habe ich bisher nicht angenommen. Ich sehe einfach nicht ein, dass es etwas bringt. Nicht, nach all der Zeit, die vergangen ist. Der Schmerz hätte vergehen sollen, aber da er es nicht ist, wird es auch nicht durch eine Therapie. Was soll es bringen, darüber zu reden, was er mir angetan hat, dieser Mistkerl von einem Stiefvater, mit dem Mum bis heute verheiratet ist. Wut schwallt in mir auf, als ich daran denke, wie sie ihn immer in Schutz genommen hat, jedes verdammte Mal. Es wäre doch meine eigene Schuld, wenn ich nicht das tue, was er von mir verlangt. Das ist nicht lache. Schon damals, kurz nachdem Dad gestorben ist und Mum diesen Wichser kennenlernte und abhängig von ihm wurde, war mir klar, dass ich ihn niemals als Dad anerkennen werde. Vielleicht war ich erst zehn Jahre alt, aber dafür brauchte es wirklich nicht viel.
„Hey, wo bist du mit deinen Gedanken?“, ist es Jo, der den Strom aus Erinnerungen beendet, die einfach nicht mehr aufhören. Wie jedes Jahr zu dieser Zeit, haben sie mich fest in ihrem eisigen Griff, genauso wie die Worte, die er mir hinterher gebrüllt hat, als ich geflüchtet bin und er mir nicht folgen konnte. Du kannst so weit laufen, wie du willst, kleine Schlampe. Ich werde dich finden und dann wirst du büßen. Zehn Jahre ist es her, dass er mir gedroht hat und ich meine Mutter nicht mehr gesehen habe. Aus Angst, er könnte seine Drohung wahrmachen.
„Camilla?“, versucht Jo ein weiteres Mal zu mir durchzudringen, doch die Angst hat mich so heftig gepackt, dass mir übel wird. Was, wenn er es dieses Jahr schafft, meinen Aufenthaltsort, herauszufinden? War der Laden eine dumme Idee, samt der Internetpräsenz, auf der Bilder von Jo und mir zu finden sind? Als er damit ankam, hielt ich es für perfekt, damit unsere Kunden uns finden können und genau wissen, wer da für sie arbeitet. Jetzt aber, heute am Heiligen Abend, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Allein die Tatsache, dass er noch nicht hier aufgetaucht ist, lässt mich die Tränen und die Übelkeit runterkämpfen, denn wenn er wüsste, wo ich bin, hätte er sich mir gezeigt und ich wäre nicht mehr am Leben. Dafür hätte er gesorgt.
„Hey“, sagt Jo wieder, legt mir eine Hand auf die Schulter, wodurch ich heftig zusammenzucke und die Weihnachtsbaumkugel, die ich die ganze Zeit in den Fingern gehalten habe, zu Boden fällt. Und zerbricht.
„Scheiße“, entfährt es mir, ich will mich danach bücken, doch Jo hält mich davon ab, indem er einen Arm um meine Taille schlingt und mich an sich zieht. Seine Nähe sollte mir unangenehm sein, aber nach dieser Woche, die ich wirklich sehr genossen habe mit ihm, bin ich froh darüber, dass er bei mir ist und ich diese Tage nicht alleine in Angst erleben muss. So wie die letzten Jahre.
„Es ist alles gut, Camilla. Was auch immer dich quält, es ist gut und dir kann nichts passieren. Ich bin da und werde auf dich aufpassen.“ Woher weiß er das nur? Manchmal bin ich wirklich überrascht, wie gut Jo mich kennt und wie gut er mich lesen kann. Wie ein offenes Buch, wobei ich doch alles dafür getan habe, unnahbar zu wirken.
„Warum sagst du nur immer das Richtige? Wie kann es sein, dass du immer weißt, was in mir vorgeht?“, will ich von ihm wissen, denn es ist schon ein wenig gruselig.
„Weil du zitterst wie Espenlaub, deine Atmung viel zu schnell geht und ich dir ansehe, dass dich etwas bedrückt. Du hast Dr. Thurdo nicht angerufen, oder?“
Ich drehe mich in seinen Armen und sehe Jo tief in die Augen. Etwas in mir flattert aufgeregt, denn in seinem Blick liegt so viel Zuneigung, wie ich sie noch nie gesehen habe. Eine Stimme in mir brüllt mich an, davon zu laufen. Weit weg und mich zu verstecken. Aber ich bewege mich keinen Zentimeter, denn es gefällt mir und ich mag Jo. Sehr sogar. Vor einer Woche noch hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich mit einem Mann schlafen könnte, ihn mag und es länger geht als eine Nacht. Und ich es genieße. Sehr.
„Nein, habe ich nicht. Ich wüsste nicht, wie sie mir helfen sollte. Das ist etwas, womit ich alleine klarkommen muss“, halte ich dagegen und sehe, wie sich Jos Gesichtsausdruck verdunkelt.
„Das sehe ich anders. Es quält dich und ich sehe dir jetzt schon seit Jahren dabei zu, wie Weihnachten für dich unerträglich wird.“
Es ist ihm aufgefallen? Jedes Jahr? Ich bin eine viel schlechtere Lügnerin, als ich es mir selbst vorgemacht habe. Herzlichen Glückwunsch, Camilla.
„Lass mich das bitte alleine entscheiden. Weihnachten geht vorbei und mir wieder gut. Wie jedes Jahr. Wollen wir den Baum jetzt weiterschmücken?“, will ich ihn ablenken, doch er lässt mich nicht los, als ich mich abwenden möchte.
„Camilla“, sagt er eindringlich, legt mir beide Hände um das Gesicht und sieht mir wieder so unglaublich tief in die Augen, dass mir die Tränen kommen bei soviel Anteilnahme. Scheiße, ich mag Jo wirklich. Mehr als ich je wollte und doch ist es passiert. Irgendwo in den letzten sechs Tagen habe ich Gefühle für diesen Mann entwickelt.
„Ich weiß nicht, ob ich es lassen kann. Dazu bricht es mir jedes Mal das Herz, dich so zu sehen, wenn du denkst, du bist unbeobachtet. Bitte, lass mich dir helfen.“ Die Verzweiflung in seinem Blick, lässt mich schluchzen, denn genauso fühle ich mich. Verzweifelt, verängstigt und überfordert. Mit dieser Situation, der Vergangenheit und der Möglichkeit, dass es gleich an der Tür klingelt und mein Stiefvater davor steht.
„Okay“, hauche ich deshalb, weil ich nicht mehr kann. Ich kann diese Ängste nicht mehr ertragen, nicht, wenn es Jo ebenso beeinflusst wie mich.
„Wirklich?“, fragt er mich überrascht, was mich zum lächeln bringt. Erst bohrt er immer weiter und ist dann erstaunt, wenn ich ja sage? Witzig.
„Wirklich. Aber nicht heute. Nach Weihnachten rufen wir diese Ärztin an und dann werde ich mit ihr reden. Ist das in Ordnung für dich?“ Ein Teil von mir ist erleichtert, der andere schreit mich aufgebracht an, ob ich den Verstand verloren habe. Wahrscheinlich, aber das ist mir gerade jetzt egal. Denn Jos Augen beginnen zu leuchten und ich glaube dadurch das erste Mal daran, dass es funktionieren könnte. Ein Mann und ich in einer Beziehung.
Jedoch nur so lange, bis es tatsächlich klingelt und ich wieder einmal heftig zusammenzucke. Ich bin einfach viel zu schreckhaft.
„Erwartest du jemanden?“, will Jo wissen, woraufhin ich den Kopf schüttele. Natürlich nicht. Heute ist Heilig Abend, die Menschen sollten zu Hause bei ihren Familien sein und nicht bei anderen klingeln.
Es schellt erneut, eindringlicher, länger, anhaltender, so dass ich mich zitternd doch noch aus Jos Armen winde. Es war eine dumme Idee bei mir zu schlafen, bevor wir morgen Vormittag zu seiner Familie fahren.
„Lass mich gehen. Wer auch immer es ist, ich werde ihn abwimmeln“, verspricht er mir, was mich ein wenig beruhigt. An ihm wird dieser Wichser nicht vorbeikommen.
„Wer ist da?“, fragt er an der Sprechanlage und hört aufmerksam zu. Sein Gesichtsausdruck verändert sich von abweisend zu überrascht zu verständnisvoll. Wer soll das denn sein?
„Camilla, ich glaube, du solltest herkommen“, bittet er mich, sieht mich traurig an und der Knoten um mein Herz taucht so plötzlich auf, dass mir der Atem stockt.
„Ja?“, frage ich in den Hörer und die Tränen laufen so schnell über meine Wangen, wie ich es noch nie erlebt habe.
„Hey meine Kleine, lässt du mich hoch?“ Die Stimme meiner Mutter klingt gebrochen, weinerlich und kraftlos.
„Was machst du denn hier?“, will ich kälter von ihr wissen, als ich es mir selbst je zugetraut hätte. Zehn Jahre ohne ein Wort von ihr und jetzt steht sie vor meiner Tür und will, dass ich sie reinlasse? Nachdem sie ihn immer in Schutz genommen hat? Und mich als Lügnerin dargestellt?
„Ich habe ihn verlassen“, sind die vier Worte, auf die ich schon so lange warte. Zitternd drücke ich den Summer, denn selbst wenn ich wollte, ich kann sie nicht draußen stehen lassen. Obwohl die Wut heiß unter meiner Haut brodelt, tut sie mir leid.
„Das ist meine Mum“, erkläre ich Jo, der verständnisvoll nickt, mir einen Kuss auf die Wange gibt und dann in der Küche verschwindet. Ich höre ihn an der Kaffeemaschine herumhantieren und bin dankbar dafür, dass er da ist. Allein hätte ich das hier niemals überstanden. Mir klopft so heftig das Herz, dass ich Angst habe, es springt aus meiner Brust, als ich die Tür öffne und auf die Schritte meiner Mum höre, die die Treppe hinaufsteigt und eine gefühlte Ewigkeit braucht.
„Camilla“, ist ihre Begrüßung, bevor sie mir um den Hals fällt und beginnt zu weinen. Mit ihrem gesamten Gewicht hängt sie sich an mich, sucht Halt und ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Niemals im Leben hätte ich damit gerechnet, dass ich meine Mutter wiedersehe.

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