Bad Santa – das Jahr endet heiß – Teil 10

Habt ihr Weihnachten gut überstanden? Alle gesund und wohl auf und nicht überfressen? Dann bin ich froh und wünsche euch einen schönen Abend!

Unsicherheit ist ein Gefühl, das ich nicht leiden kann – Jo

Das ist nicht geplant gewesen. So ganz und gar nicht geplant. Camilla sollte sich mir öffnen und nicht durch die Anwesenheit ihrer Mutter zurück in die Vergangenheit geworfen werden. Denn genau das wird passieren. Allein ihre angespannte Körperhaltung bereitet mir Sorgen. Während ich in der Küche herumhantiere, beobachte ich Camilla, wie sie sich von ihrer Mutter umarmen lässt, sie aber nicht erwidert. Stocksteif steht sie da, keinerlei Regung ist erkennbar, was einen festen Knoten in meinem Magen bildet. Zu gern würde ich diese Frau, diesen ungebetenen Gast, aus der Wohnung werfen, aber wir sind bei Camilla, und hier steht mir das einfach nicht zu.
„Du siehst bezaubernd aus, mein Kind“, sagt ihre Mutter gerade, als die Maschine piept und ankündigt, fertig zu sein.
„Was willst du hier und wie hast du herausgefunden, wo ich bin? Weiß er es auch? Ist er der Nächste, der klingelt und mich dann endlich umbringt? So wie er es damals versucht hat?“
Die Worte kommen wie Gewehrschüsse aus Camillas Mund, während mein Blut zu Eis gefriert? Bitte was? Vollkommen überfordert, von dieser Information, stehe ich einfach da, sehe dabei zu, wie das winzige Lächeln im Gesicht von Camillas Mutter zerbricht und ihr Blick traurig wird.
„Das hat er nie“, hält diese dagegen, woraufhin Camilla beginnt zu lachen. So einen Ton habe ich bei ihr noch nie gehört und ich bin froh, wenn ihre Mutter wieder verschwunden ist und dieser Eisklotz, der aus meiner Freundin – denn als genau diese sehe ich Camilla an – schmilzt und wieder zu der Frau wird, die begonnen hat, mir zu vertrauen und die ich mag.
„Selbst jetzt verteidigst du ihn noch? Selbst jetzt, wo du doch sagst, ihn verlassen zu haben? Hat er dich geschickt, um mir dieses Märchen aufzutischen. Bestimmt wartet er draußen auf seine Chance, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Will er mich vorher auch noch anfassen? Mich benutzen und wegwerfen und mir dann einreden, dass ich es nicht wert bin, dass man mich liebt und sich um mich sorgt? Willst du mir wirklich erzählen, dass das alles nicht passiert ist, obwohl du daneben gestanden hast? Stumm und regungslos?“
Mit jedem Wort ist Camilla lauter geworden, brüllt ihre Mutter an, während mir übel wird. Ist es das, was sie all die Zeit belastet hat? Es muss so sein und ich wünsche mir, es nie erfahren zu haben. Wut kocht in mir hoch, als ich mir vorstelle, wie ihr Stiefvater sie als Kind angepackt hat und ihre Mutter es nicht verhindert hat. Erst als meine Handfläche warm wird, bemerke ich, dass ich die Fingernägel in die Haut gepresst habe. So sehr, bis es blutet.
„Du lügst!“, brüllt ihre Mutter zurück, Tränen laufen über ihr Gesicht und sie weicht zurück, als Camilla sich streckt und vor ihr aufbaut. Noch nie, nicht einmal in den letzten drei Jahren habe ich Camilla so erlebt. Es ist weit hinaus über wütend oder sauer sein. Sie will ihre Mutter verletzen, so sehr, wie sie verletzt worden ist.
„Worüber? Die Vergewaltigungen? Die Schläge? Die Erniedrigungen? Was davon ist eine Lüge? Soll ich dir die Bilder holen, die ich von mir gemacht habe? Damit ich nie wieder vergesse, was passiert, wenn man einem Menschen vertraut und der sich an dir vergeht?“
Nun ist ihre Stimme ganz leise, bedrohlich, verächtlich. Das ist der Grund für ihre Abweisung und das jahrelange alleine sein. Ich will zu ihr gehen, sie in meine Arme ziehen und ihr beweisen, dass es nicht stimmt, dass man den Menschen vertrauen kann, dass sie mir vertrauen kann. Meine Augen brennen verdächtig, während ich auf die Reaktion ihrer Mutter warte. Genauso wie Camilla selbst. Die Arme vor der Brust verschränkt, sieht sie ihre Mutter an.
„Du hast Bilder davon?“, flüstert diese, vollkommen fertig und das zurecht. Wie kann sie hier einfach auftauchen? Ohne Ankündigung? Was muss das in Camilla ausgelöst haben, diese Frau, nach all den Jahren widerzusehen und mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden? Es gefällt mir nicht, regungslos dazustehen und nichts tun zu können. Das liegt einfach nicht in meinem Naturell, untätig zu sein, vor allem nicht, wenn es um die Menschen geht, die ich beschützen möchte.
„Natürlich. Dachtest du wirklich, ich lasse einfach so zu, dass er mir das antut? Allein die Angst davor, dass er mich wirklich umbringt, hat mich davon abgehalten, zur Polizei zu gehen. Ich frage dich also jetzt noch einmal, Mutter“, sie spuckt ihr das Wort entgegen, als wäre es die Pest, „Was willst du hier? An Heilig Abend? Nach den vielen Jahren? Um mich eine Lügnerin zu nennen? Mir irgendetwas vorzuhalten, was nicht der Wahrheit entspricht? Was ist es? Was ist der Grund?“ Camilla atmet tief durch und ich halte es nicht mehr aus. Mit großen Schritten gehe ich zu den beiden Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine klein, zusammengesunken und gebrochen. Die andere groß, wunderschön und stark. Denn genau das ist Camilla in diesem Moment – sie ist mutig und viel stärker, als sie jemals von sich selbst sagen würde.
Ich greife nach ihrer Hand, ignoriere, dass sie mir diese entziehen möchte und bleibe an ihrer Seite. Kurz sieht sie mich an, als würde sie mich erst da wahrnehmen und ein winziges Lächeln bildet sich auf ihren Lippen. Zugern möchte ich erfahren, was in ihrem hübschen Kopf vorgeht, doch dafür haben wir später genug Zeit. Wenn wir alleine sind und sie diesen grausigen Besuch überstanden hat.
„Du hast Recht. Ich habe dich damals nicht beschützt und bereue es bis heute jeden einzelnen Tag, den ich lebe. Aber ich hatte Angst, dass er sich wieder an mir vergreift. Es ist keine Entschuldigung, nur eine unwichtige Erklärung, denn es hilft dir nicht mehr. Und mir erst recht nicht. Ich bin hier, um dich zu warnen, denn ja – er weiß, wo du dich aufhältst. Er hat dich gesucht, all die Zeit über, hat er keine Ruhe gegeben. Auch wenn ich weiß, dass du mir niemals verzeihen kannst, bitte ich dich, zu verschwinden. Bring dich in Sicherheit und lass ihn ins Leere laufen. Du hast ein besseres Leben als ich verdient.“
Tränen laufen über das Gesicht der zerbrochenen Frau vor uns und ich spüre Camillas Zittern. Kurz drücke ich ihre Hand fester, gebe ihr den nötigen Halt, zumindest versuche ich es, und warte auf ihre Erwiderung. In meinem Kopf habe ich schon alles geplant, wie sie zu mir ziehen wird, wie ich sie vor diesem Mistkerl beschütze und dass er sie niemals in die Finger bekommt. Nicht, so lange Camilla mich an ihrer Seite stehen lässt.
„Nein“, überrascht sie nicht nur mich.
„Was?“, bringt ihre Mutter hervor, die Augen weit aufgerissen und die Hände ringend.
„Ich habe Nein gesagt. Ich werde mich nicht mehr vor ihm verstecken. Die letzten Jahre, sind der Horror für mich gewesen. Immer in Angst, er könnte hier auftauchen und beenden, was er damals angefangen hat. Doch jetzt, wo es soweit ist, habe ich keine Angst mehr vor ihm. Er kann mir nichts mehr anhaben, denn ich bin kein Kind mehr und schon gar nicht eingeschüchtert. Er ist ein alter Wichser, der sich versucht besser zu fühlen, wenn er Frauen und Kinder zusammenschlägt und sich an ihnen vergreift. Nur nicht mehr mit mir. Soll er kommen. Ich bin vorbereitet.“
Keine Ahnung, ob ich den Hut vor Camilla ziehen soll oder sie für verrückt erkläre. Dass ist der totale Irrsinn und der Gesichtsausdruck ihrer Mutter bestätigt mich.
„Kind, tu das nicht“, fleht diese Camilla an, doch sie schüttelt nur den Kopf, greift nach der Türklinke und öffnet die Tür dann.
„Ich bitte dich, Mutter, dass du gehst. Natürlich bin ich dir dankbar dafür, dass du mich gewarnt hast, denn es geht mir viel besser damit, nicht mehr unwissend zu sein. Aber jetzt will ich dich nicht mehr sehen. Nie mehr. Beginne ein neues Leben weit weg, aber ohne mich.“
Selten habe ich einen Menschen so zerstört gesehen, wie gerade Camillas Mutter. Sie weiß eindeutig nicht, wie ihr geschieht, denn sie bleibt einfach stehen, bewegt sich keinen Millimeter und starrt ihre Tochter einfach nur an. Fassungslos, überrascht und am Ende.
„Camilla“, setze ich an, doch ihr Blick hält mich davon ab, mich einzumischen. Ich fühle mich in ihrer Nähe unwohl, denn diese Ablehnung gefällt mir nicht. Ebenso wenig, wie ihr Umgang mit den Dingen, die sie eben erfahren hat. Sie sollte Angst haben, zumindest ein kleines Bisschen. Ich schwanke zwischen Bewunderung und Zweifel über dieses Verhalten.
„Camilla“, sagt auch ihre Mutter, doch diese schüttelt nur den Kopf, senkt ihn dann und zeigt mit einer Hand in den Flur hinaus.
„Ich wünsche dir ein schönes Leben“, ruft sie ihr noch hinterher, nachdem sie tatsächlich die wenigen Schritte hinaus getan hat und wirft die Tür hinter ihr zu. Sofort entzieht sie mir ihre Hand, wendet sich ab und verschwindet im offenen Wohnbereich. Vor der kleinen Bar, bleibt sie stehen, holt eine Flasche Scotch hervor und gießt sich viel zu viel von dem Zeug in eines der Kristallgläser.
„Camilla“, versuche ich es wieder, doch sie schüttelt erneut den Kopf, leert das Glas mit einem Zug und wendet sich mir dann zu.
„Ich denke, es ist besser, wenn du jetzt gehst, Jo. Der Besuch meiner Mutter hat mich daran erinnert, dass ich keine Beziehung will, nichts in der Art. Die Woche war wirklich schön, aber du bist dem Trugschluss aufgesessen, mich bekehren zu können. Das kann niemand, nicht einmal ich selbst.“

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