Bad Santa – das Jahr endet heiß – Teil 11

Willkommen zurück, oh geliebte Handlungsunfähigkeit – Camilla

 

Ich sehe Jos verletzten Blick, ich sehe ihm an, dass er nicht gehen will und tief in mir weiß ich auch, dass es falsch ist, ihn wegzuschicken, da er der Einzige ist, der mich jetzt noch retten könnte. Doch der Sog, in dem ich mich befinde, ist zu stark. All die Erinnerungen, Ängste und Gefühle von damals kehren mit einer Macht zurück, gegen die ich nicht ankomme.
„Camilla, das kannst du vergessen“, reagiert mein Gegenüber endlich, spricht genau das aus, was ich hören muss und trotzdem bin ich nicht in der Lage mich darüber zu freuen. Es stimmt – ich habe keine Angst mehr vor Tim. In dem Moment, in dem Mum mir mitteilte, dass er mich suchen und wahrscheinlich finden wird, war sie wie weggeblasen. All die Dinge, die ich in meinem Selbstverteidigungskurs gelernt habe, kommen mir in den Sinn. Tim sollte sich warm anziehen, beschließe ich und sehe Jo wieder direkt in die Augen. Ein Fehler, denn sein Blick durchbohrt mich, nimmt mich gefangen und meine Entscheidung diesen Deal direkt zu beenden gerät ins Wanken. Doch ich darf mich keine Schwäche erlauben. Nie wieder.
„Es ist meine Wohnung und ich möchte dich hier nicht mehr haben. Ich weiß, ich habe dir Hoffnungen gemacht und dass das unfair dir gegenüber gewesen ist, aber ich habe meinen Fehler ja bemerkt. Es wäre wirklich zuvorkommend, wenn du meinen Wünschen folgst.“
Mein Herz bricht bei seinem Anblick und mir ist übel, viel übler als in dem Moment, als ich erfahren habe, wer auf dem Weg hierher ist. Es ist eine verdrehte Welt, aber Jo ist mir so wichtig, dass ich mich selbst damit verletze, ihn wegzuschicken. Aber ich tue es, um uns beide zu schützen. Es führt zu nichts, was wir hier veranstalten, das muss ich einfach einsehen.
„Vergiss es. Ich bleibe hier.“ Damit schiebt er sich an mir vorbei, geht in die Küche und lässt mich starrend zurück. Ist dieser Mann noch zu retten? Eine Frau wirft ihn aus seiner Wohnung und er weigert sich? Er weiß genau, wie fertig ich bin – er kann es mir ansehen und bleibt trotzdem? Trotz, dass ich ihm gesagt habe, dass wir niemals etwas werden? Was geht nur in seinem Kopf vor? Weiß er etwas, das ich nicht weiß?
Was auch immer es ist, es bringt mich dazu, tief durchzuatmen und ihm zu folgen. Der Kaffeeduft ist einfach zu verlockend, Jos Nähe ebenso, auch wenn ich sie nicht mehr genießen darf.
„Denkst du wirklich, ich lasse dich an Weihnachten alleine? In zwei Tagen, wenn du es immer noch willst, gehe ich, aber sicherlich nicht heute, nicht nach dieser Mitteilung, nicht, nachdem ich jetzt weiß, was dir passiert ist.“
Seine Stimme ist ganz sanft, weich und wie eine feste Umarmung. Genau diese wünsche ich mir jetzt, halte mich aber zurück, meine Arme einfach um diesen fantastischen Mann zu schlingen, der es schafft, immer genau das Richtige zu sagen. Zu gern möchte ich mit ihm über alles reden, ihm versichern, dass ich nicht geblufft habe und wirklich keine Angst vor Tim. Er hat mein Leben bis heute immer bestimmt – egal ob unterbewusst oder aktiv. So etwas wird nicht mehr passieren, aber ich habe nicht die Kraft dazu, all diese Dinge noch einmal auszusprechen. Ist es mir unangenehm, dass Jo alles mitangehört hat und die dreckige Wahrheit nun kennt? Ich horche tief in mich hinein, als er uns beiden Kaffee in zwei Tassen füllt und mir eine reicht.
„Wenn du diese Beweise wirklich noch hast, solltest du damit zur Polizei gehen und schauen, was sie für dich tun können. Ja, es ist viel Zeit vergangen, aber trotzdem darf es nicht unter den Tisch gekehrt werden, was dieser Mann dir angetan hat.“
Darauf kann ich nichts sagen, denn mit diesem Gedanken spiele ich schon viel zu lange. Dazu hätte ich damals die Anzeige nicht zurückziehen dürfen, so ist es, als wäre es niemals geschehen.
„Wird es nicht“, ist meine kurze Antwort, danach gehe ich wieder an ihm vorbei und lasse mich schwer auf der Couch fallen, nachdem ich die Tasse abgestellt habe. Mit geschlossenen Augen, lehne ich den Kopf gegen die Lehne hinter mir und atme tief durch. Erst jetzt schaffe ich es, mich zu beruhigen und das Rauschen in meinen Ohren lässt nach. Natürlich bin ich nicht so taff und abgebrüht, wie ich es Jo versuche vorzumachen. Meine Hände zittern noch immer und auch die Übelkeit verschwindet nicht so einfach, wie ich es mir wünschen würde, doch ich darf nichts davon an die Oberfläche dringen lassen. Jo würde niemals wieder gehen und sich damit selbst in Gefahr bringen. Denn Tim ist zu allem fähig und allein das Wissen, dass in meinem Nachtschrank eine auf mich zugelassene Waffe liegt, lässt mich diesen Alptraum rational betrachten.
„Du denkst wirklich, dass die Geschichte deiner Eltern dich geprägt hat?“, fragt mich mein mittlerweile ungebetener Gast nach einer ganzen Weile, in der er mich beobachtet haben muss. Er kennt die Antwort auf diese Frage, ich habe sie ihm vorhin schon beantwortet und trotzdem ist es mir ein inneres Bedürfnis, ihm klarzumachen, dass er wirklich besser gehen sollte, wenn er nicht verletzt werden möchte. Dabei bin ich mir selbst gar nicht mehr so sicher, traue mir nicht, denn ich mag Jo. Viel zu sehr, um ihn tatsächlich zu zwingen meine Wohnung zu verlassen. Und das macht mir mehr Angst, als alles andere, was ich heute erfahren habe. Ich sollte das Weite suchen und so viel Abstand wie nur möglich zwischen mich und den Mann bringen, der mein Herz im Sturm erobert hat und einfach nicht von meiner Seite weicht. Selbst wenn ich ihn anzicke und darum bitte. Er verhält sich genau so, wie es richtig ist, wie es ein richtiger Mann tut, dem eine Frau etwas bedeutet. Doch damit umgehen kann ich beim besten Willen nicht. Wie auch? Ich habe nicht gelernt mit der Zuneigung anderer Menschen mir gegenüber umzugehen und fühle mich jetzt hilflos.
Der Besuch meiner Mutter rückt in weite Ferne, als hätte er gar nicht stattgefunden, auch wenn ich weiß, dass genau das, Quatsch ist. Stattdessen kann ich nur daran denken, dass Jo keinen Meter von mit entfernt auf dem Sofa sitzt und mich höchstwahrscheinlich beobachtet. Es sollte mir unangenehm sein, ich sollte sauer auf ihn sein, aber alles, was ich in mir finde, ist Dankbarkeit. Dafür, dass er geblieben ist, als ich ihn gebeten habe, zu gehen.
„Warum bist du noch hier?“, frage ich ihn gerade heraus, denn es ist die einzige Frage, die ich nicht beantworten kann. Okay, gut, wir sind Freunde, verstehen uns wirklich gut und hatten eine wunderschöne Woche zusammen. So eine, die dein Leben verändern könnte, wenn du es nur zulässt. Doch so weit bin ich noch lange nicht, selbst wenn ich spüre, dass ich mehr für Jo empfinde, als ich mir je eingestehen möchte.
„Das hast du noch immer noch nicht begriffen?“, reagiert er mit einer Gegenfrage, die mich dazu bringt, die Lider zu heben und ihn von der Seite anzusehen. Er sitzt im Schneidersitz auf meinem Sofa und sieht mich so durchdringend an, dass ich Gänsehaut bekomme. Eine von der richtig guten Sorte, die dir zeigt, wie gut es dir geht und wie sehr es dir gefällt, wenn dich dieser eine bestimmte Mensch ansieht. Ich wünsche mir, dass ich die Hand nach ihm ausstrecken und berühren könnte, aber so weit bin ich nicht. Er würde mich für total bescheuert halten, wenn ich ihn erst wegschicke und dann die Finger nicht von ihm lasse. Ich halte mich selbst dafür.
„Was soll ich begriffen haben?“ Ich verstehe es tatsächlich nicht und fühle mich dumm dabei. Er sieht mich an, als wäre es offensichtlich, als würde es einen ganz bestimmten Grund dafür geben, dass er nicht geht, wenn ich es will.
„Warum sollte ich die Frau, in die ich mich verliebt habe, alleine lassen? Genau in dem Moment, in dem sie mich am meisten braucht? Selbst, wenn sie das noch nicht erkannt und Angst davor hat, es sich einzugestehen? Seit wann lässt man die Menschen, die einem viel bedeuten, allein, wenn es ihnen nicht gut geht?“
Wie oft bin ich heute schon sprachlos gewesen? Hat er diese Dinge gerade wirklich gesagt oder habe ich sie mir einfach nur eingebildet? Kann es wirklich sein, dass Jo so viel für mich empfindet, dass auch ich es bemerke? Also nicht seine Gefühle für mich, die präsentiert er mir gerade auf dem Silbertablett und macht sich damit angreifbarer, als er sollte. Sondern, dass ich den heftigen Herzschlag, die schwitzigen Hände und den trockenen Mund bemerke, die auf seine Worte auftreten und die mir eindeutig beweisen, dass Jo mir nicht egal ist. Und genau das ist die Untertreibung des Jahres, denn je länger ich in die hellen Iriden seiner Augen blicke, desto sicherer bin ich mir, dass ich seine Gefühle erwidere. Es ist so verrückt, so abgedreht, so ungewohnt, dass ich ihn einfach nur anstarren kann, mit geweiteten Augen und offenem Mund. So, als hätte er mir gerade erzählt, dass der Weihnachtsmann sein bester Freund ist und nur für mich heute Nacht eher kommt, damit mich die Geschenke wieder aufmuntern.
„Danke“, ist das Einzige, was ich hervorbringe und es klingt wirklich gequält. Dabei ist einfach nur mein Hals so trocken, dass jedes Wort darin stecken bleibt. Ich habe mich verliebt. Einzig und allein das wabert durch meinen Kopf und das Jo beginnt zu lächeln, als hätte ich ihm das bereits gestanden, macht es nicht wirklich besser.
„Du weißt aber schon, dass ich dich jetzt umarmen werde, weil du einsiehst, dass du sowieso nicht gegen mich ankommst?“ Mittlerweile grinst er breit, so schelmisch, wie ich es von ihm gewohnt bin und was mich ein wenig beruhigt. Diese Gefühlskiste ist überhaupt nichts für mich, Jo weiß das Gott sei Dank.
„Wer hindert dich daran?“, frage ich ihn, nachdem ich mich ausgiebig geräuspert und aufgesetzt habe. Ich vermisse seine Berührungen, dabei sind sie gar nicht lange her. Es ist, als würden wir ein neues Kapitel in einem Buch aufschlagen. Eines, das alles verändern kann, was davor gewesen ist, selbst wenn die Protagonistin keinen Schimmer hat, was das alles zu bedeuten hat.

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