Bad Santa – das Jahr endet heiß – Teil 13

Warnungen sollte man ernst nehmen – Camilla

Ich kann kaum glauben, dass heute schon der 30. Dezember sein soll. Bis vor Kurzem noch, konnte ich es kaum abwarten, dass auch dieses Jahr sich verabschiedet, damit im nächsten alles besser werden konnte. Doch jetzt habe ich Jo an meiner Seite und all diese dunklen Erinnerungen verblassen von Tag zu Tag mehr. Es macht mir noch immer ein wenig Angst zu wissen, dass ich mich tatsächlich in ihn verliebt habe. In meinen Geschäftspartner, der doch noch mehr rumgehurt hat, als ich selbst. Oder ich wollte es einfach so sehen, weil es mich davon abgehalten hat, ihm näher zu kommen. Was eindeutig total bescheuert gewesen ist.

Denn mit Jo wird es nicht langweilig. Keine Sekunde lang, will ich wo anders sein, wenn er mich in seinen Armen hält oder auch nur irgendetwas erzählt, während er uns Kaffee oder zu Essen macht. Denn dieser Mann kann unglaublich gut kochen. Bisher habe ich noch nichts gefunden, was er nicht kann – noch so eine angsteinflößende Sache, doch auch daran kann ich mich gewöhnen. Ganz sicher.
„Sag mal, wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken?“, reißt mich eben dieser schöne Mann, wodurch ich mich lächelnd zu ihm drehe. Eine Bewegung hinter ihm, ein mir bekannter Haarschopf irritiert mich einen Moment lang, bis er verschwunden ist und ich kurz den Kopf schüttele. Das kann nicht sein. Mum hat gesagt, er würde Weihnachten auftauchen – ist er nicht. Danach werde ich mich von diesem Thema nicht kirre machen lassen.
„Alles okay? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen?“, fragt Jo mich besorgt, legt eine Hand auf meine Wange und sofort beruhigt sich mein Puls und der viel zu schnelle Herzschlag. Wie ein Eimer Eiswasser über meinem Kopf fühlt es sich an, doch in seiner Nähe kann ich mir sicher sein, dass nichts passiert.
„Ja, natürlich. Ich habe mich nur erschrocken“, weiche ich ihm aus, doch sein prüfender Blick bohrt sich in meine Augen. Es ist mir unangenehm, ihm nicht direkt zu sagen, was ich glaube gesehen zu haben, aber es wäre Bullshit, wenn ich mich von einer Ahnung aus der Ruhe bringen lassen würden.
„Bist du sicher, dass ich heute schon fahren soll? Ich kann auch bei dir bleiben und wir fahren morgen zusammen zu meiner Mum.“ Denn unser erstes gemeinsames Silvester verbringen wir mit Jos Familie. Wieder so ein Punkt, der mir Angst machen sollte, aber es nicht tut. Ich freue mich darauf sie kennenzulernen, es fühlt sich an, als würde ich sie schon kennen, so viel, wie Jo von ihnen erzählt hat. Außerdem ist es außerhalb Londons und damit weit weg von all den Gespenstern meiner Vergangenheit, die mir hier doch ab und an auflauern. Selbst, wenn ich versuche, sie zu ignorieren.
„Ja, ich bin mir ganz sicher. Wir hocken seit fast zwei Wochen aufeinander – ich meine das nicht böse“, füge ich schnell zurück, als sein Blick sich zu verdunkeln droht und lege eine Hand auf seinen Oberarm. Sofort weiß ich wieder, wie stark dieser Mann ist und dass er mich beschützen würde. Ganz egal, was passieren mag.
„Ich möchte nur eine Nacht für mich sein. Das Jahr resümieren und mir klar werden, was für ein Glück ich habe, dass ich dich jetzt einen Teil meines Lebens nennen darf. Das mache ich jedes Jahr – also dieses Resümee. Bitte lass es mir auch heute“, bitte ich ihn leise, übe mich in einem unschuldigen Augenaufschlag und beiße mir auf die Unterlippe, als sein Blick weicher wird. Es ist unfair von mir, ihn darum zu bitten, aber wenigstens ein paar Stunden brauche ich tatsächlich für mich. Ich mag es wirklich sehr, Zeit mit ihm zu verbringen, aber ab und an alleine sein, will doch jeder?
„Nur widerwillig, aber ich verstehe dich. Sei nur bitte vorsichtig“, sagt er sanft, zieht mich in seine Arme und ich lege meinen Kopf auf seine Schulter. Ihm so nahe zu sein, ist immer noch unglaublich. Seinen Duft einzuatmen, seine Wärme, Nähe und Anziehung zu spüren, als wäre es das Normalste auf der Welt, dass wir beide zusammen sind und niemand uns etwas kann. Diese Gefühle, die in mir toben, sind für mich ungewohnt, aber deswegen nicht weniger schön. Sie zaubern mir ein Lächeln auf die Lippen, als Jo mich ein wenig zurück schiebt, die Hände um mein Gesicht legt und mir so tief in die Augen sieht, dass ich Angst habe, nie wieder aus ihnen auftauchen zu können. Vor ihm habe ich keine Hemmungen, zeige ihm offen, was in mir vorgeht und verdränge dieses warnende Gefühl tief hinten in meinem Kopf, dass es so einfach doch nicht sein kann. Dass noch etwas passieren muss, damit wir uns dieses Glück auf verdienen. Seit ich diesen verdammten Schatten gesehen habe, ist mein Inneres in Alarmbereitschaft, selbst wenn es unsinnig ist.
Weder mir noch Jo wird etwas passieren – uns geht es gut und wir sind sicher. Mehr kann ich mir nun wirklich nicht für diesen Moment wünschen. Richtig?
„Du bist so wunderschön, Camilla. Ich kann noch immer nicht fassen, dass es mir endlich erlaubt ist, dir das tagtäglich zu sagen.“ Seine Stimme klingt so ernst, sein Blick ist so voller Liebe – mitten im Supermarkt. Genau jetzt fühle ich mich ihm näher, als jemals zuvor und halte mich selbst für total verrückt.
„Schau mal“, lenkt Jo meine Aufmerksamkeit zurück auf sich, zeigt mit der Hand hinter mich, wodurch ich mich zu den großen Fenstern des Supermarktes drehe, den wir gerade durchlaufen. Er will alles, was wir für Silvester benötigen, schon heute einkaufen und mitnehmen. Damit seine Mum nicht so viel Arbeit hat. Gibt es etwas Schöneres von seinem Sohn?
Als mein Blick nach draußen fällt, muss ich unweigerlich lächeln, denn es schneit. Selbst von hier aus, kann ich die großen, dicken Flocken erkennen, die vom Himmel fallen und London nach und nach zuckern werden. Ich bin versucht, wie ein kleines Kind auf und ab zu hüpfen und mich zu freuen. Der Schnee am Ende des Jahres war früher immer das Einzige, was er mir nicht nehmen konnte. Meine Freude darüber und die freien Gedanken, die sie mit sich brachte. Kein Schlag, keine Beleidigung, kein Tritt, konnten verhindern, dass ich mir ausmalte, irgendwann einmal frei und unabhängig von Tim zu sein.
Wenn ich ihn jetzt beobachte, den Schnee, dann erinnere ich mich unweigerlich an dieses Versprechen an mich selbst. Mit tränenden Augen gehe ich langsam auf die große Scheibe zu und ignoriere das unangenehme Prickeln im Nacken, das mich schon wieder begleitet. Es fühlt sich an, als würde ich beobachtet werden – aber nicht von Jo.
Doch das Glück in meinem Herzen und das Wissen, dass Jo in meiner Nähe ist, lassen es mich ignorieren. Dabei fällt es mir mit jedem Schritt schwerer. Wie eine eiskalte Hand, legt sich diese Ahnung in meinen Nacken, packt mich hinterrücks und gibt ihr Bestes, all das Gute, das mein Leben jetzt ausmacht, zu verdrängen. Doch ich lasse es nicht zu, behalte das Lächeln auf den Lippen, den Rücken durchgestreckt und gerade, die Haltung stolz, bis ich vor der Fensterscheibe stehe, die Hände daran lege und den Schnee beobachte. Die Sonne ist bereits untergegangen, die Welt liegt in einem Schlummerzustand, nicht richtig müde, doch der Tag ist bereits vorbei und bereitet sich auf das Ende des Jahres vor. So wie die Menschen. In der Spiegelung der Scheibe kann ich sehen, wie die anderen Personen im Laden einfach weitermachen und sich nicht von der kalten Pracht ablenken lassen. Ich kann Jo hinter mir sehen, der mich beobachtet. Ich kann aber auch jemanden entdecken, den ich nie wieder sehen wollte. Es ist nur eine Ahnung, doch dieses dreckige Grinsen, selbst wenn es älter ist, werde ich nie wieder vergessen werden. Erschrocken zucke ich zusammen, denn jetzt bin ich mir sicher, dass er es wirklich ist. Als ob er in den zehn Jahren, seit ich vor ihm geflohen bin, keine neue Jacken kaufen konnte. Oder es ist Absicht. Als ich mich umdrehe, ganz langsam, aus Angst, er würde direkt hinter mir stehen, statt mehrere Meter entfernt, noch hinter Jo, mache ich mich auf alles gefasst. Seinen Anblick, sein gehässiges Lachen, seinen fauligen Geruch. Mir schlägt das Herz bis zum Hals, die Augen habe ich geschlossen, bis ich mit dem Rücken zum Fenster stehe – erst dann hebe ich die Lider wieder. Und sehe nichts. Nur Jo, der verwundert scheint, wieso ich so ernst aussehe. Doch der Mann, der mir eine Heidenangst eingejagt ist verschwunden – als hätte ich ihn mir nur eingebildet. Als hätte er es geschafft und sich wieder in meine Gedanken gedrängt, nur weil Mum mir von ihm erzählt hat. Die Übelkeit, die mich packt, die ich so lange verdrängt habe, nimmt die Überhand, zwingt mich in die Knie. Keuchend, die Hände auf den Magen gepresst, gehe ich zu Boden, vollkommen unfähig noch einen klaren Gedanken zu fassen. Er darf nicht hier sein. Mein sorgfältig aufgebautes Kartenhaus aus Überheblichkeit und Verdrängen, bricht zusammen, als mir klar wird, dass er noch immer die Macht über mich hat. Denn ich habe Angst. Selbst wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, seit Mum da war. Es durfte nicht mehr so sein und jetzt trage ich die Quittung dafür.

3 Gedanken zu “Bad Santa – das Jahr endet heiß – Teil 13

  1. Oh sch……….arme Camilla. Ich hoffe Jo bleibt bei ihr und beschützt sie. Sie jetzt alleine zu lassen, wäre ja fatal. Ihre Vorahnung wird sich bestätigen und Tim nur darauf warten, dass er sie alleine erwischt.
    Bin ja so gespannt auf die Fortsetzung! Danke Josi und nochmal alles Gute für das neue Jahr😘😘😘

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